LYRIK

 

Von Kaciaryna Andrejeva
Übersetzung: Tina Wünschmann 
 
 

* * *
Dreiundzwanzig lebten wir am Krater des Vulkans,
sahen Walküren aufsteigen aus dem Orchestergraben.
Ganz in der Nähe Krachen, Donner, Grollen, Schutt,
mal raste die Uhr wie wild, mal stand sie abrupt.

Wie oft schwamm jemand an uns vorbei, glücksgewiss,
wir blieben zurück, trotzten standhaft der Finsternis.
Und die Finsternis kroch über die Stadt, angsteinflößend,
wehte Staub und Asche, Fetzen von Briefen und Flüstern.

„Na und?“, sagten wir. „Von hier sieht man auch sehr gut!“
„Der Mensch ist nur das, worauf er standfest ruht.“
Seid glücklich, ihr alle, die in Sicherheit gelangten,
zwischen Windstärke und Planetenbahnen bangten.

Wir waren jünger, zorniger, fröhlicher, als wir dachten,
als wir der Geschichte in ihre Minenfelder lachten,
nicht Ehre, nicht Gewissen, sondern der Epoche Kammerton.
… Letzten Endes gar keine so schlechte Aktion.

Was blieb von uns? Wenigstens dieses Gedicht.
Und im Sternenhaufen, der in der Ferne blinkt,
der Stern mit dem allerhellsten Licht.
Und das Grübchen in der Wange der Urenkelin.

* * *
Vom Porträt hast du mich angelächelt,
aus einem gold‘nen Rahmen an der Wand.
Aus jenem zweitausender Sommer,
der seither längst in Schweigen zerrann.

Glänzende Gipfel, glitzerndes Tableau,
des Henkers Wut und Willkür,
alles verlosch, allein „Wo bist du, wo?“
echot über der off‘nen Moskwitsch-Tür.

Wer da ein Fragezeichen setzte – ich war‘s,
sag ich. Dem Vergessen zum Verdruss.
Denn zwanzig Jahre später schlug auch mir
mitten in mein Objektiv: Belarus.

… Rein und weg wusch uns der warme Schauer.
Weißt du, was mir hilft gegen die Trauer?
Es gibt keinen Tod. Dafür nun zwei Porträts
in einem gold‘nen Rahmen im Foyer.

Und aus dem schmalen Rand des Rahmens,
wenn all der Trubel sich gelegt,
lächeln wir beide zur Unbekannten,
die nach uns kommt und hier etwas bewegt.